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Es müssen Engel gewesen sein, die das 19. Jahrhundert beherrscht haben. Zwar hat sie niemand gesehen, denn sie versteckten sich hinter den Hinweisen auf Authentizität, Ähnlichkeit, unnachahmlicher Treue und streuten so den Betrachtern von Fotografien Sand in die Augen. Wie anders konnte es geschehen, daß die Bilder sich vor das Wirkliche stellten, das Zufällige des Augenblicks für Unvergänglichkeit gehalten wurde, eine Wiedergabe die Gemüter bewegte, obwohl auf ihr alles zu Tode erstarrt war?
Manche Engel haben sich allerdings verewigen lassen, meist als Putto, der die Rückseite einer Fotokarte schmückt. Dort wirbt er für die neue Kunst und vor allem für den Fotografen - besonders ab den ausgehenden 1860er Jahren, als die Geschäfte zurückgingen, weil manche Kundschaft ausblieb. Denn inzwischen hatte beinahe jeder, der es sich leisten konnte, ein Bildnis von sich machen lassen und es zusammen mit jenen der Familie und Freunde, der Berühmtheiten und Schönheiten des öffentlichen Lebens dem häuslichen Album, dem Buch der Bilder, einverleibt. Nur bei den neuen Bekanntschaften mußte daran gedacht werden, sie einzuladen, mit ihren Ansichten in diesen privaten Kosmos einzutreten.
Es war vermutlich ein Hannoveraner Atelier, dessen Inhaber auf die Idee kam, einen Engel zum Leben zu erwecken. Er steckte ihn in ein weißes Kleid, dessen Ärmel ein wenig auf die Flügel anspielen sollten, die ein menschlicher Engel natürlich nicht offen zur Schau trägt. Dann mußte er mit drei Fotoalben posieren, wobei auf eines eine beschriftete Tafel geheftet wurde, zumal dies billiger war als ein entsprechendes Bedrucken des Kartons. Wer diese Aufforderung erhielt, eilte sofort zum nächsten Fotografen, um sich ablichten zu lassen. Denn wer könnte schon einem Engel eine Bitte abschlagen?
Anonymes Atelier: Mädchenporträt; rückwärtig mit Bleistift bezeichnet: Hannover, 17 Juni 70. Bildformat 8,5 x 5,5 cm auf Karton 10,0 x 6,2 cm (Visitformat); Albuminpapier.
Befund: Die Fotografie war ursprünglich vollflächig aufgezogen. Sie hat sich, vermutlich durch Klimaschwankungen, bis auf das untere Drittel vom Trägerkarton gelöst. Die Oberfläche ist verschmutzt, die Fotografie durch Lichterinwirkung und ungehinderten Zutritt oxidierender Gase ausgeblichen resp. ist, v.a. von den Rändern her, das Bindemittel vergilbt. Die linke und recht obere Ecke fehlen, das Bild weist einen diagonalen Knick von links unten nach rechts oben auf. Oben mittig eine hochgewölbte Partie, waagerechte Haarrisse in der Emulsion des oberen Drittels aufgrund spannungsbedingten Aufrollens nach dem Ablösen des dünnen Albuminpapiers. Trägerkarton verschmutzt und vergilbt, einzelne Schichten lösen sich.
Maßnahmen: Fotografische Dokumentation. Mechanisches Ablösen der Fotografie vom Träger; Trockenreinigung der Fotografie und des Trägers recto und verso. Feuchtreinigung des Trägerkartons, Neuverleimung mit Tylose. Montage der Fotografie mit Tylose. Trocknung unter leichtem Druck zwischen Löschkarton und Bondina (Polyestergewebe). Zeitaufwand: ca. 2 Stunden.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 1 (1994), S. 3 (Vol. 1, No. 1).
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